Schmetterlinge in weiß
Main

Startseite
schreiben
kontaktieren
nachlesen
beobachten

Kategorie


Themen



Freunde



Links



Auf der Suche / Auf der Flucht

Allein sitze ich in einem großen Raum. Um mich herum nur einige Stühle, Bilder und Zeitschriften, sonst Stille. Von weit her hört man leises Summen, Schlüsselklappern. Ich sitze im Wartezimmer der Uniklinik mit einem Becher kaltem Kaffee und warte auf Neuigkeiten. Seit Stunden sitze ich schon hier. Ab und zu kommen Leute, werden aufgerufen und gehen wieder. Nur um mich kümmert sich keine Menschenseele. Mich lassen sie warten, lassen mich im Unwissen, meiden mich. Bin zu schwach, um etwas zu unternehmen, kraftlos, mutlos. Ich muss wohl eingeschlafen sein. Als ich aufwache, ist es schon längst nach Sonnenaufgang, bestimmt schon Vormittag. Jemand hat mir eine Decke übergelegt und auf dem Boden ist eine schwarze, glänzende Fütze, der Rest aus meinem Kaffeebecher. Ich hole ein Tempotuch aus meiner Jackentasche und wische sie auf. Dann falte ich die Decke ordentlich zusammen und gehe zum Schwesternzimmer, frage nach einer alten Dame, deren Namen ich leider nicht weiß. Gestern Abend habe ich sie hierher gebracht, sie war gestürzt. Doch heute erinnert sich keiner mehr an sie. Alle behaupten, ich würde mich irren, keine alte Frau wurde diese Nacht eingeliefert. Sie sagten, es wäre sicher nur eine Verwechslung. Aber ich wusste es besser. Grundlos würde ich doch nicht die Nacht im Wartezimmer eines Krankenhauses verbringen. Was ist bloß los mit mir? Irre ich mich wirklich? Warum? Wer bin ich? Was will ich? Wo will ich hin? Ich weiß es nicht, nur weit weg von hier. Nur weg und nie wieder zurück. Ich renne die Stufen hinunter. Jemand ruft mir nach, ich solle gefälligst langsam gehen, ich würde sonst die Patienten gefährden. Doch es ist mir egal. Ich laufe aus dem Krankenhaus, die Straße entlang, immer weiter bis ich nicht mehr weiß, wo ich mich befinde. Ich suche eine Bushaltestelle, um mich am Stadtplan zu orientieren. Gute zehn Kilometer bin ich wohl gerannt und ich könnte noch mehr rennen, wenn ich denn nur wüsste wohin. Ich schaue auf den Fahrplan. Der nächste Bus kommt in 20 Minuten. Warten will ich nicht, habe lange genug gewartet. Trotzdem setze ich mich auf einen der kleinen Sitze im Bushäuschen. Ich starre auf die Straße, beobachte die vorbeifahrenden Autos. Die meisten fahren zu schnell. Irgendwann kam der Bus. Ich hatte zwar keine Uhr, aber trotzdem das Gefühl, dass er zu spät kam. Keiner stieg aus, als der Bus hielt. Der Fahrer schaute mich herausfordernd an, vielleicht auch genervt, ich weiß es nicht so recht. Aber als ich dann doch nicht einstieg, fuhr er endlich weiter. Ich wollte den Bus nicht nehmen. Es würde heißen, ich würde darauf warten, dass er kommt. Und gewartet habe ich schon die ganze Nacht. Also weiter, den Weg durch die Stadt fortführen. Er scheint endlos zu sein. Irgendwann merke ich meine Erschöpfung, gebe mich geschlagen und suche ein öffentliches Verkehrsmittel.
Ich stehe in der U-Bahn. Um mich herum Menschen, überall. Es ist so schrecklich voll, dass ich nicht mal mehr einen Sitzplatz bekomme. Das ist mir noch nie passiert. Doch irgendwie registriere ich es nicht mal wirklich. Alles zieht an mir vorbei und ich lebe in meiner eigenen kleinen Welt, für mich allein. Dort bin ich geschützt. Ich bin in einen Kokon gehüllt wie ein Schmetterling bevor er schlüpft. So versuche ich durchs Leben zu kommen und mit den Herausforderungen des Alltages klarzukommen. So geht es Tag für Tag und ich gehe Schritt für Schritt weiter. Tiefer hinein in meine Kunstwelt, tiefer hinein in einen dunklen Tunnel, der keinen Ausgang hat. Doch irgendwann werde ich ein Lichtlein entdecken, auch wenn ich mich dazu umdrehen muss und meiner Welt den Rücken kehren muss. Ich werde mich umdrehen und Stück für Stück in die richtige weite Welt hinaustreten.
Die monotone Frauenstimme, die mir verkündet, dass ich an meiner Zielhaltestelle angekommen bin, reißt mich aus dem Nirvana meiner Gedankengänge. Ich steige aus der Bahn und renne die Stufen zum Ausgang hinauf. Draußen ist es schon dunkel und meine Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Ich atme die Kälte mit tiefen Zügen ein. Es fühlt sich unheimlich gut an. Ich genieße kurz den Augenblick und laufe dann in Richtung meines Zuhauses. Dabei überquere ich eine sechsspurige Allee, auf der gerade kein Auto entlangfährt. Am liebsten würde ich mich mitten auf die Straße legen und einfach nur in die Sterne am Himmel schauen. Die Nacht ist dunkelblau und klar, also lege ich mich auf den Mittelstreifen und suche nach Sternbildern. Den kleinen Wagen und das Cassiopeia finde ich gleich, doch dann sehe ich auch noch eine Sternschnuppe fallen. Nun habe ich einen Wunsch frei und ich wünsche mir, den Weg aus meinem Tunnel zu finden und ein Mensch zu werden wie jeder andere. Ob das jetzt zwei Wünsche waren? Ich weiß es nicht, aber es ist ja auch egal.
Eigentlich wollte ich so schnell wie möglich nach Hause, aber nun, wo ich mich so großartig fühle, bleibe ich noch eine Weile liegen. Autos kommen vorbei und hupen. Mich interessiert es kein bisschen. Sollen sie doch denken, ich wäre verrückt. Die haben alle keine Ahnung und wissen nichts über mich, rein gar nichts. Erst beobachten, dann zuhören, dann urteilen.
3.2.08 18:31


Aufbruch

Tag für Tag sitze ich hier
an meinem Fenster,
schaue hinaus.
Was ich sehe ist eine Stadt,
eine Stadt mit grauen Häusern,
mit grauen Straßen,
mit grauem Himmel,
Tag für Tag.
Ein einziges Wort genügt,
so kann man sie beschreiben.
Sie, die Stadt, ist trostlos.
Nicht mehr und nicht weniger.

Menschen laufen hektisch hin und her,
jeden Tag zu jeder Stunde.
Man könnte meinen,
man könnte glücklich sein.
Man wäre nie allein,
wo es doch so viele Menschen gibt.
Doch das bleibt nur ein Traum.
Viele Menschen,
viel Oberflächlichkeit.
So spüren wir docj jeden Tag
die Einsamkeit, die uns umgibt.
Genauso trostloch wie unsere Stadt.
Doch rumzusitzen,
es geschehen zu lassen,
dies ist doppelt schlimm.

Einfach aufstehen,
weggehen,
woandershin,
da wo es bunt ist
wo es hell ist,
wo man Freude haben kann.
Raus aus der trostlosen Einsamkeit,
Rein in die weite Welt.
Tun was man tun muss.
Tun was man tun will.
Alles Andere wäre doch absurd.
24.2.08 14:15


myblog.de


Design by Angieme